Der Kollaborateur von nebenan

Der verurteilte NS-Kriegsverbrecher Algimantas Dailide lebt seit sechs Jahren nahezu unbehelligt in Kirchberg bei Zwickau

Von Ulrike Nimz

Kirchberg. Seit Wochen sorgt die Auslieferung des mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers John Demjanjuk für weltweites Aufsehen. Der 89-jährige Ukrainer führt die vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem veröffentlichte Liste der zehn meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher an. Knapp dahinter, auf Platz sieben, steht Algimantas Dailide.

Seit 2003 lebt der gebürtige Litauer nahezu unbehelligt in Kirchberg bei Zwickau – er ist der stille ältere Herr, der vor kurzem seine Frau verloren hat und jeden Morgen zur selben Zeit das Haus verlässt, um Lebensmittel zu kaufen. Kaum einer kennt hier seine Vergangenheit. So soll Dailide als ehemaliges Mitglied der litauischen Sicherheitspolizei Saugumas Juden, die aus dem Ghetto der Hauptstadt Vilnius fliehen wollten, an die Nazis ausgeliefert haben. 2006 sprach ihn ein litauisches Gericht schuldig, zwei polnische und zwölf litauische Juden verhaftet und übergeben zu haben, die daraufhin vermutlich in einem Vernichtungslager nahe Vilnius ermordet wurden. Dailide wurde zu einer Strafe von fünf Jahren Haft verurteilt, musste diese aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes jedoch nicht antreten.

Dailides Versuch, der eigenen Schuld zu entkommen, beginnt 1944. Damals flieht der 23-Jährige vor der russischen Armee und heiratet eine Deutsche aus Greiz in Thüringen. Das Paar nimmt die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Wie Demjanjuk lebt Dailide fast 40 Jahre in Cleveland (Ohio) – als Immobilienmakler. Erst als nach der Wende die litauischen Akten aus der Zeit der Besetzung wieder geöffnet werden, beginnen die US-Behörden mit Ermittlungen. Dailide wird die Staatsbürgerschaft aberkannt, weil er bei der Einwanderung seine Vergangenheit verschwiegen hatte. Er flieht nach Toronto und landet 2004 im sächsischen Kirchberg, wo ein Cousin seiner Frau lebt.

Unbequeme Fragen hat der 87-Jährige bislang kaum beantworten müssen. Sowohl die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg als auch die Staatsanwaltschaft Zwickau halten weitere Maßnahmen für nicht gerechtfertigt. Anders als Demjanjuk, der wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 29.000 Fällen angeklagt werden soll, sei der Umstand, dass Dailide lediglich die Mitwirkung an Verhaftungen von Juden nachgewiesen werden könne, zu marginal, um dem Fall weiter nachzugehen, so Antje Dietsch von der Staatsanwaltschaft Zwickau gegenüber der „Leipziger Volkszeitung“. Zurückhaltung, die Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums, nur schwer hinnehmen kann. In der gleichen Zeitung kritisierte er Dailides ruhiges Leben in Deutschland als „Beleidigung der Opfer“. Wenig überrascht zeigt sich indes Günter Weigel, Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in Zwickau: „Es ist für uns nicht neu, dass die bundesdeutschen Gesetzgeber zur Jagd getragen werden müssen.“

Doch die Rechtslage spricht für Dailide. Jeder EU-Bürger hat das Recht auf Freizügigkeit, darf seinen Wohnort in Europa selbst bestimmen. Das gilt auch für einen verurteilten Kriminellen, solange er sich nicht auf der Flucht befindet. Und ans Flüchten denkt der Mann, der jeden Morgen über das Kopfsteinpflaster humpelt, wohl nicht mehr.

Quelle:
Freie Presse/ Zwickauer Zeitung/ Dienstag, 26.05.09/ Seite 4