„Wer zu lange wegguckt, macht das Problem größer“

Neue Broschüre des Kulturbüros Sachsen deckt die enge Vernetzung rechtsextremer Gruppierungen in Sachsen und Tschechien auf

Demonstrationen der rechtsextremen Arbeiterpartei (DS) und Straßenschlachten mit der Polizei im Herbst 2008 im nordböhmischen Livínov/Oberleutensdorf. Kundgebung mit 500 tschechischen und deutschen Neonazis im April in Ústí nad Labem/Aussig. Ebenfalls im April zwei Aufmärsche von DS-Mitgliedern in Krupka/Graupen. Rechtsextremistische Aktionen gehören fast zum Alltag in Nordböhmen. Friedemann Bringt arbeitet seit 2001 im Kulturbüro Sachsen. Dort wird das Buch „Gefährliche Liebschaften – Rechtsextremismus im kleinen Grenzverkehr“ herausgegeben. Mit Bringt sprach Steffen Neumann.

Freie Presse: Herr Bringt, Ihre Broschüre befasst sich mit den Kontakten zwischen Rechtsextremen in Tschechien und Sachsen bzw. Ostdeutschland. Warum sprechen Sie bewusst von Ost- und nicht von Westdeutschland?
Friedemann Bringt: Der Rechtsextremismus in Ostdeutschland ist moderner als in weiten Teilen Westdeutschlands. Die Verbindung einer rechtsextremen Partei wie der NPD und eines subkulturellen Umfelds war sehr erfolgreich. Dieses Konzept wurde von tschechischen Rechtsextremen lange Zeit beobachtet und nun kopiert.

Freie Presse: Seit wann arbeiten Neonazis beider Länder zusammen, und wie sieht das konkret aus?
Bringt: Schon seit den 1990er Jahren, ab 2000 wurde die Kooperation intensiver. Tschechische Neonazis nahmen an Veranstaltungen in Sachsen teil und durften sich die Strategie abgucken. Dazu kommt die Kooperation im subkulturellen Milieu. So werden Rechtsrockkonzerte zunehmend in Nordböhmen statt in Sachsen organisiert. Das ist billiger, zugleich werden Freiräume genutzt. Denn bestimmte Codes, Aussprüche oder Zeichen werden in Deutschland eher unter Strafe gestellt, als in Tschechien.

Freie Presse: Das Kulturbüro hat anderthalb Jahre an der Broschüre gearbeitet. Welche Entwicklungen konnten Sie ausmachen?
Bringt: Unsere These, dass tschechische Neonazis von sächsischen lernen, dafür im Gegenzug Tschechien als günstiger Wirtschaftsraum genutzt wird, mussten wir teils revidieren. Was die Wirtschaft angeht, ist auch die Neonazi-Szene längst in der Globalisierung angekommen. Aber der erste Teil trifft vollkommen zu. Der Lernprozess erhielt durch den Eintritt der NPD in den sächsischen Landtag 2004 noch einmal einen Schub. Tschechische Neonazis nehmen die NPD-Strategie auf und wenden sich relevanten Themen zu – von sozialen Themen über Umweltschutz bis zur Erinnerungskultur. So werden auch Menschen, die sich nicht unbedingt mit der Nazi-Ideologie identifizieren, angezogen.

Freie Presse: Tschechische Neonazis lernen von sächsischen. Was können andererseits tschechische Behörden und Organisationen von den sächsischen lernen?
Bringt: Von Sachsen lernen, heißt erkennen: Wer zu lange wegguckt, macht das Problem größer. In Sachsen gibt es inzwischen viele Partner auf staatlicher und nichtstaatlicher Ebene mit einer guten Kommunikation untereinander. In Tschechien dagegen ist das Problem noch relativ neu und deshalb mehr Sensibilität für rechtsextreme Strukturen und mehr Kommunikation nötig. Aber ich bin auch der Meinung, dass gerade die sächsische Seite auch viel von der tschechischen lernen kann. Die Stadtverwaltung in Ústí nad Labem ist beispielsweise sehr offen, etwas gegen Rechtsextremismus zu tun und dabei auch von nichtstaatlichen Organisationen zu lernen. Diese Erfahrung ist für mich viel positiver, als wir sie in Dresden in Verbindung mit dem 13. Februar machen mussten, als die Stadt jahrelang nach dem Motto agiert hat: Nicht darüber reden, das läuft sich von selbst tot.

Freie Presse: Was kann die neue Broschüre zu diesen Themen bewirken?
Bringt: Sie sollte zu einer Sensibilisierung führen, weil sich viele Akteure, die im sozialen und gesellschaftlichen Bereich aktiv sind, der Tragweite des Problems bisher gar nicht bewusst sind. Aber auch uns, den nichtstaatlichen Organisationen, stände es gut zu Gesicht, den Kontakt zu den tschechischen und auch polnischen Kollegen zu pflegen, denn Rechtsextremismus macht keineswegs vor Ländergrenzen halt.

Service
Die Broschüre „Gefährliche Liebschaften – Rechtsextremismus im kleinen Grenzverkehr“ soll Ende Mai erscheinen. Bereits jetzt ist die Internetseite www.gefaehrliche-liebschaften.info geschaltet. Die Broschüre wurde in Regie des Kulturbüro Sachsen mit tschechischen und deutschen Partnern erstellt.

Quelle:
Freie Presse/ Glauchauer Zeitung/ Montag, 04.05.09/ Seite 20